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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Väterliche Absichten" wurden zur Katastrophe: Zehn Tote, 20 Verletzte
 
Was Bleibt im Gedächtnis?
 
Drakonische Strafen, die nie vollstreckt wurden
Zwischenüberschrift:
Sommer 1801: Der Gesellenaufstand in der Gartlage
 
Als Napoleons Truppen kamen, verlief der Prozess im Sande
Artikel:
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Originaltext:
" Väterliche Absichten" wurden zur Katastrophe: Zehn Tote, 20 Verletzte

Sommer 1801: Der Gesellenaufstand in der Gartlage

Von Frank Henrichvark

" Eine Kleinigkeit zog ein großes Trauerspiel nach sich", so hat der Senator Gerhard Friedrich Wagner rückblickend die Ereignisse des Sommers 1801 in Osnabrück bewertet: Es ging anfangs nur um die Anzugsordnung der Schuhmachergesellen und um eine Zeche von 100 Talern; am Ende standen zehn Tote und 20 Verwundete, die zum Teil lebenslang an ihren Gebrechen zu tragen hatten. Der Gesellenaufstand auf der Gartlage war aber mehr als eine bloße Episode, denn augenfällig für jedermann wurde auch: Die mittelalterliche Zunftverfassung und das patriarchalische Stadtregiment hatten die Bewährungsprobe nicht bestanden - der Geist der Französischen Revolution gab der arbeitenden Klasse auch in Deutschland ein neues Selbstbewusstsein.

Und das äußerte sich anfangs in einer banalen Protokollfrage. Am Johannistag, dem 24. Juni, versammelten sich alljährlich die Schuhmachergesellen auf der Herberge vor der Lade ihrer Innung. Und das hatte mit zugeknöpftem Rock zu geschehen: " Ein sonderbarer Brauch, dessen Entstehung und Bedeutung man nicht kannte", heißt es in den Berichten. Weshalb denn auch ein Streit ausbrach. Es kam zu einer Prügelei und zum offenen Konflikt. Auch die Gildemeister konnten den schwelenden Streit nicht mehr schlichten: Beschwerden gingen hin und her, die Gesellen zechten derweil tagelang in der Herberge. Streik hieß die Parole.

Als der Magistrat am 10. Juli endlich den Ratschluss fasste, " es sei gleichgültig, ob ein Gesell mit zugeknöpftem oder offenem Rock vor der Lade erscheine". In jedem Falle müssten sie nun aber ihre Zeche von 100 Talern selbst zahlen, da kam es zum Eklat: Am folgenden Tage in aller Frühe zogen die Gesellen kollektiv in die Gartlage: Neben den Schuhmachern die Tischler, die Schmiede und die Schneidergesellen, später kamen noch die Uhrmacher- und die Leinewebergesellen hinzu. Im Hause des Bauern Dierker, der auch ein Kaffehaus unterhielt, begannen sie alsbald zu zechen.

Dort waren die Streikenden nämlich in der Bauerschaft Schinkel außerhalb der Landwehr dem städtischen Regiment entzogen. Jetzt drohte der Stadt Osnabrück mit dem kollektiven Auszug der Gesellen große Verlegenheit. Hatte doch der Zunftzwang die Stellung der Gesellen gestärkt: Einmal in Verruf geraten, mussten die Meister um ihre Werkstätten fürchten, falls der Zuzug der wandernden Handwerksgesellen ausblieb. Auch unter diesen Vorzeichen verliefen alle Verhandlungen aber letztlich im Sande - jede Partei erwartete von der anderen Nachgiebigkeit.

Deshalb wandte sich der Magistrat an das in der Stadt liegende hannoversche Bataillon. Am Morgen des 13. Juli, ein Montag, marschierte eine Kompanie von 120 Mann und mit einer Kanone aus dem Hasetor. Als Drohinstrument gedacht, sollte das Kommando die Verhandlungsposition der städtischen Delegation verstärken.

Auf der Gartlage angelangt, ließ der Hauptmann die Vorderladergewehre laden, dann rückte er weiter vor. Auf dem Dierkerschen Colonat fanden er und die beiden Unterhändler Dr. Rhode und Schledehaus jedoch nicht nur die Gesellen vor: Zahlreiche Zuschauer hatten sich eingefunden, Menschen die in den Gerichtsakten später als " unruhige Geister, namentlich aus der Neustadt", die " Hefe des Volkes" und " vom Branntweingenuss erhitzte Gemüter" oder ganz pauschal als " unruhige Elemente, die der Geist der Französischen Revolution gezeitigt hat", abqualifiziert werden.

So kam es zum Eklat. Der hilflose Hauptmann ließ den Hof umstellen, während die beiden ebenso überforderten Magistrats-Gesandten den streikenden Gesellen noch " gütlich" ins Gewissen redeten. Die machten auch Anstaten, wieder in die Stadt zurückzukehren, falls Ihnen die streitige Zeche aus der Gesellenlade - also ihrer eigenen Solidarkasse - erstattet werde. Das ging so zwei bis drei Stunden hin und her. Dann aber, " um sie zu schrecken", so seine eigene Aussage, ließ der Befehlshaber seine Soldaten mit gefälltem Bajonett auf die eingekesselten Gesellen losgehen - woraufhin die umstehenden Schaulustigen mit Steinen, Knüppeln und Kegeln nach den Soldaten warfen.

Jetzt versagte alle militärische Disziplin: Eine Salve von Schüssen fiel. Mindestens einer der Gesellen wurde mit dem Bajonett erstochen. Tote und Verwundete - Gesellen wie Bürger, Erwachsene und Kinder - lagen auf dem Platze, die übrigen rannten davon:

" Das ganze Unglück würde nicht geschehen sein", hat der Schuhmachermeister Jakob Heinrich Feuer später ausgesagt, " wenn nicht in dem Dierkerschen Hause so viel Branntwein geschenkt und wenn von Seiten des Militärs nicht so viel Geduld und mehr Entschlossenheit gezeigt worden wäre." Um es mit modernen Worten zu sagen: Krisenmanagement hatten weder die Politiker noch die Militärs gelernt.

Als zunächst dje Nachricht von der Katastrophe, dann auch die Verwundeten und Toten selbst in die Stadt gelangten, herrschte Bürgerkriegsstimmung in Osnabrück: Die einen riefen in den Straßen " Rebellion", die anderen zogen die Glockenseile auf, um das Sturmlauten zu verhindern. Der Rat ließ zu seinem eigenen Schutz die Bürgerfahne und die Schützeniompanie aufbieten. Die meisten traten jedoch gar nicht an - und wurden deshalb später im Gerichtsverfahren zu Geldbußen verurteilt.

Die Leichen und die Verletzten wurden in Karren in die Stadt gefahren und auf das alte Rathaus gebracht. Den schwerverletzten Lohgerber Terborg, er hatte einen Bauchschuß, trug man sterbend auf einem Stuhl sitzend in das Haus des Altermanns Schledehaus. Eine grausige Anklage für denjenigen, der einem Gerücht zu Folge den Feuerbefehl gegeben haben sollte.

Die Leiche des Schmiedeamtsboten Iburg schleppte man bis auf die Rathaustreppe, dann in die Krahnstraße und von dort wieder aufs Rathaus: " Der Rat war vollständig ohnmächtig und vermochte nichts gegen die Unruhestifter zu unternehmen", heißt es dazu in den Akten. Die Besitzbürger Ihrerseits hielten sich aus dem Aufruhr heraus, traten als städtische Wachsoldaten einfach nicht an: Der Uhrmacher Enners sagte, " er gäbe alle Wochen vier Groschen für die Wache; den Kerl, der die Wache dafür täte, den kenne er nicht, den möchte der Kapitän selber rufen lassen!"

Der Magistrat verharrte bis gegen 2 Uhr In der Nacht auf dem Rathaus. Denn erst gegen Mitternacht verlief sich der Volkshaufe. Dann ging man nach Haus, " In banger Sorge, was die nächsten Tage mit sich bringen würden." Anderntags ließ er eine gedruckte Proklamation verteilen, in der mit schwülstigem Pathos die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt wurde: " Die Obrigkeit betrauert das Unglück", heißt es, und im gleichen Atemzuge: " Sie muss die Urheber aufspüren und nachdrücklichst die strafen, die ihre väterliche Absicht misslingen machten." Die Gesellen waren in der Mehrzahl auf der Gartlage geblieben. Sie zogen dann am Abend des 14. Juli wieder in die Stadt ein und begaben sich ruhig zu ihren Meistern. Militär- und Bürgerpatrouillen gingen noch einige Nächte durch die Stadt.

Einen letzten Aufruhr gab es in der Hasestraße. Als die geladene Kanone - unglaublicherweise erst nach vier Tagen wieder in die Stadt geschleppt wurde, schlug ein Bürger dem Fuhrmann aufs Auge: " Ob er den Hunden, die dabei geholfen härten, die Bürger totzuschießen, ferner helfen wolle?" Die Toten mussten auf Geheiß des Magistrats zum Teil bei Nacht begraben werden, um alles Aufsehen zu vermeiden. Dass dabei vom Pastor das Lied " O blinde Wuth, o Durst nach Blut, als nie erhöret worden!" angestimmt wurde, zeigt den unterschwelligen Groll in weiten Kreisen.

Drakonische Strafen, die nie vollstreckt wurden

Als Napoleons Truppen kamen, verlief der Prozess im Sande

Elf Tote und 20 Verletzte, das war die grausige Bilanz des Aufstandes in der Gartlage: Unter den Opfern waren neben mehreren Handwerkern auch Jugendliche: Ein Lehrbursche und der Sohn des Zimmermeisters Meyer. Der als Rädelsführer verhaftete Koch des Freiherrn von Schele mit Namen Bornemann erhängte sich am 20. Juli in seiner Gefängniszelle. Das Militärkommando verzeichnete sechs Verwundete. Nun übernahmen die Juristen den Fall: Die fürst-bischöfliche Regierung wie auch der Magistrat stritten lange Zeit darum, wer nun für die Untersuchung zuständig sei: Die Landesregierung, weil die Gartlage ausserhalb der Landwehr und damit auf ihrem Territorium lag? Oder die Stadt, weil sich die Unruhen hierhin fortgepflanzt hatten? Bis die Kompetenz-

del geschnürt und waren wieder auf der Wanderschaft. Dem Magistrat war es nur Recht, wurde doch so weiterer Skandal vermieden. Vor Gericht kamen jedenfalls nur Osnabrücker Bürger.

Erst am 6. Juli 1802 wurde das Urteil gesprochen. 32 Bürger der Stadt Osnabrück waren angeklagt worden, " wegen Beteiligung am Tumult und Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit". Die Strafen waren zum Teil drakonisch: So musste der Colon Dierker 50 Taler zahlen und ging zudem noch seiner Auslagen verlustig; dem Wortführer Christoph Geißler wurden fünf Jahre Gefängnis aufgebrummt; andere erhielten Freiheitsstrafen von vier Jahren Arbeitshaus bis zu 14 Tagen, zum Teil " bei Wasser und Brot" und verbunden mit körperlichen Züchtigungen. Die Geldbußen sum-

und Versehrten bestimmt waren.

Die Stadt selber harte zu diesem Zeitpunkt bereits 2 500 Taler für die Pflege der Verwundeten und den Unterhalt der nicht mehr Arbeitsfähigen ausgeben müssen. Ohnehin schleppte sich das Verfahren noch jahrelang hin, viele Strafen scheinen nie vollstreckt worden zu sein.

Denn mittlerweile waren alle Verhältnisse endgültig" umgestürzt: 1802 resignierte der Osnabrücker Fürstbischof Friedrich von York, seine Lande fielen an das Königreich Hannover. 1803 marschierten die Truppen Napoleons ein; sie brachten den Code Civile und die Gewerbefreiheit mit, die mittelalterlich geprägte Stadtverfassung und ihr Zunftwesen wurden abgelöst. Was sich im Gesellenaufstand in der

Was bleibt im Gedächtnis?

Till möchte den Aufstand auf der Gartlage vor 200 Jahren nicht unbedingt eine Revolution nennen. Es war wohl eher ein aus dem Ruder gelaufenes Missverständnis, eine Katastrophe letztlich, entstanden aus Rechthaberei einerseits und dem diffusen Ruf nach Freiheit und Veränderung, wie ihn die französische Libertat im Nachbarland angefeuert hatte. Gerade die wandernden Schuhmachergesellen im 18. Jahrhundert waren Träger dieser Ideen, so haben die Historiker beobachtet, brachten es doch ihre Arbeitsverhältnisse mit sich, dass die Werkstatten zu philosophierenden Zirkeln wurden: Die Männer saßen im Kreis zusammen, hatten keine körperlich sehr schwere Arbeit zu verrichten und konnten sich dabei noch bequem unterhalten. Das Wort " Schuster bleib bei deinem Leisten" kehrt diese Neigung dann später ins Gegenteil um. Die damals Verantwortlichen jedenfalls haben später gewünscht, der unrühmliche Vorfall möge aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt getilgt werden. Und in der Tat erinnert heute nichts mehr an die Ereignisse von damals, keine Gedenktafel, kein Stein - nur die riesige Linde auf dem Feld in der Gartlage, wo einmal die Hofstelle und das Kaffeehaus Dierker war. Till würde sich deshalb wünschen, dass die Linde in der Gartlage zum Naturdenkmal erklärt und mit einer Hinweistafel versehen wird. Denn die Streikenden von damals haben auch für eine Liberalität und Modernität gestritten, die für uns heute selbstverständlich geworden ist. Bismontag

NUR DIESE LINDE auf einem Gerstenfeld blieb zurück von der früheren Hofstelle Dierker in der Gartlage, das Kaffehaus wurde längst abgerissen. Im Schatten dieses Baumes ereignete sich im Sommer 1801 das Blutbad in der Gartlage.
Autor:
Frank Henrichvark, Till


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