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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Eine gute Idee muss kompostierbar sein
 
Kleine Löscher gestopft
 
"Wenn sich die Zahl der Autos verdoppelt, ist nichts gewonnen"
Zwischenüberschrift:
Die DBU arbeitet seit 10 Jahren - Jede zweite Mark floss in die neuen Bundesländer
 
Drei Fragen an Fritz Brickwedde, den Generalsekretär der Umweltstiftung
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Eine gute Idee muss kompostierbar sein

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt arbeitet seit zehn Jahren - Jede zweite Mark floss in die neuen Bundesländer

Von Rainer Lahmann-Lammert

Der Mensch kann sich noch so anstrengen und die glattesten Oberflächen der Welt produzieren. Aber er muss mit ansehen, wie sie schon nach kurzer Zelt verschmutzen. Die Natur kann es besser: Auf den Blättern der Lotusblume werden selbst Dieselruß, Farbreste oder Klebstoff mit dem Morgentau wieder abgewaschen. Dabei sind die Blätter gar nicht glatt, sondern mikrorau. Eine Beobachtung, die von volkswirtschaftlicher Bedeutung sein könnte.

Der Selbstreinigungseffekt ist für Gebäudeanstriche und Verglasungen ebenso interessant wie für Schiffe, Autos oder Flugzeuge. Prof. Dr. Wilhelm Barthlott, der Direktor des Botanischen Gartens und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, hat den Lotus-Effekt nachgewiesen und technisch nutzbar gemacht. Der Deutschen Bundesstiftung Umwelt dient sein Projekt als Musterbeispiel für ihre Fördertätigkeit. Niemand habe sich für Barthlotts Forschung interessiert, sagt Stiftungssprecher Franz-Georg Elpers. Aber nach seiner Entdeckung renne ihm die Industrie die Türen ein.

Nicht alle von der Umweltstiftung geförderten Projekte sind solche Selbstlaufer. Wer in die Zukunft investieren will, muss auch das Risiko von Fehlschlägen einkalkulieren. Doch das sind nach Ansicht von Pressesprecher EIpers keine Flops, sondern Erfahrungen, sogar konstruktive Beiträge. Denn dann wisse man ja hinterher, wie man es nicht machen müsse.

Vor zehn Jahren, am 1. März 1991, ist die Deutsche Bundesstiftung Umwelt mit ihrer Arbeit angefangen. 2, 5 Milliarden Mark, der Erlös des Bundes aus der Privatisierung des Salzgitter-Konzerns, bildeten den Grundstock des Stiftungsvermögens. Inzwischen liegen 1.2 Milliarden Mark auf der hohen Kante, und das, obwohl Jahr für Jahr 130 bis 150 Millionen DM Fördergelder ausgeschüttet wurden.

450 Projekte fördert das Unternehmen Geldvermehrung Jahr für Jahr. Jede zweite Mark floss in die neuen Bundesländer, um dort den ökologischen Umbau voranzubringen. Generalsekretär Fritz Brickwedde sieht es auch als Erfolg der Stiftungsarbeit an, dass sich im Osten Deutschlands die Qualität der Luft, der Boden und der Gewässer inzwischen dem westdeutschen Niveau angeglichen habe.

Eines von Brickweddes Lieblingsprojekten ist die sächsische Kleinstadt Ostritz im " schwarzen Dreieck" an der polnischen und tschechischen Grenze. Dieses Nest, über das sich in Jahrzehnten der Ruß aus den nahe gelegenen Braunkohlekraftwerken gelegt hat, wird Inzwischen mit erneuerbaren Energien aus Holz und Pflanzenöl versorgt. 22 Millionen Mark hat die Umweltstiftung in das Modell Ostritz gesteckt. Nun hofft sie, dass der Impuls über die Bildungsstätte Im benachbarten Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal auch über die Grenze nach Osten getragen wird.

Die Umweltbildung ist fester Bestandteil In den Förderprogrammen. Brickwedde und sein Team wissen, dass sich das Klimaproblem nicht allein mit innovativerTechnik lösen lässt. Doch welche Seelenmassage bringt die Verbraucher dazu, das Auto auch mal stehen zu lassen oder umweltfreundliche Produkte zu kaufen? Diese Frage stellt sich schon im Kindesalter. Eine Antwort darauf ist das " Graslöwen-TV" im Kinderkanal von ARD und ZDF. 170 Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseure nahmen die Herausforderung an, ökologische Zusammenhänge ohne pädagogischen Zeigefinger, ohne idyllische Verkitschungen oder Katastrophensenarien zu erklären. Die Umweltstiftung übernimmt den Löwenanteil von zehn Millionen Mark am " Graslöwen-TV".

Wenn eine Idee vom Generalsekretariat (bis 200 000 Mark) oder sogar vom Kuratorium (über 200 000 Mark) mit einem Geldsegen bedacht wird, ist das noch nicht gleich der Durchbruch. Die Umweltstiftung hat sich einen Versuch zur Erprobung von nachwachsenden Rohstoffen in der Autoindustrie 1, 5 Millionen Mark kosten lassen. Damit konnte der Nachweis erbracht werden, dass die Fasern einer zwei Meter hohen Brennnesselart umweltbelastende Kunststoffteile in der Innenauskleidung ersetzen können. Nach Gebrauch lassen sie sich sogar kompostieren.

Im Osnabrücker Kunststoffwerk Heywinkel wurden die Fasern verarbeitet - mit Erfolg, wie der technische Geschäftsführer Klaus Pontius anerkennend vermerkt. Doch nun ist das Testmaterial verbraucht und der Versuch abgeschlossen. Klaus-Peter Mieck vom Thüringischen Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung sagt, woran es hakt: Wenn die Zuchtbrennnesseln von Landwirten in Deutschland angebaut würden, seien sie im Vergleich zu importierten Fasern zu teuer. Von Großserienproduktion spricht niemand mehr. Und bei Heywinkel wird jetzt eine Mischung aus Flachs und Polypropylen verwendet. Die enthält zwar auch Naturfasern, lässt sich aber nicht kompostieren.

Zu Kompost lassen sich aber die Teppichboden im Verwaltungsgebäude der Umweltstiftung verarbeiten, das 1995 fertig gestellt wurde. Leider erwiesen sie sich den Anforderungen einer Büronutzung nicht gewachsen. Ein Gewährleistungsschaden, sagt Verwaltungschef Michael Dittrich, und eine Erfahrung, aus der man lernen kann. Doch der Teppichboden ist für ihn der einzige Fehlgriff. Insgesamt habe sich der Bau voll und ganz bewährt.

Mit dem fünfzylindrigen Glaskörper des Kölner Architekten Erich Schneider-Wessling hat die Umweltstiftung in Osnabrück einen architektonischen Glanzpunkt gesetzt und zugleich eine Vorreiterrolle für die Niedrigenergiebauweise eingenommen. Der Heizenergiebedarf liege in kalten Wintern sogar unter den Simulationen, in milden Wintern leicht darüber, rechnet der Verwaltungschef vor. Auf eine Klimaanlage wurde verzichtet, die Buchengruppe im Süden schützt im Sommer vor der Sonnenstrahlung. Erstmals wurde bei diesem Gebäude Recycling-Beton für tragende Bauteile verwendet.

Das nächste Projekt soll schon bald folgen. Für zehn Millionen Mark will die Stiftung neben ihrem Verwaltungssitz ein Ausstellungs und Tagungsgebäude errichten. Wieder geht es um bautechnische Innovationen zum Beispiel ein lichtdurchlässiges Lamellendach.

Dass sich die Stiftung in Osnabrück niedergelassen hat, ist auch dem Image der Stadt gut bekommen. Auch wegen seiner Arbeitsplätze ist das " Unternehmen Umweltknete" gut angesehen: 114 Mitarbeiter auf 90 Planstellen arbeiten in der grünen Insel an der Bornau, darunter sind Physiker, Biologen, Agraringenieure, Pädagogen und Juristen.

In Zukunft will sich die Umweltstiftung stärker für den Naturschutz engagieren, im Zentrum der Anstrengungen steht aber weiterhin der Klimaschutz. Wer eine Idee hat, die der Umwelt nützen könnte, ist willkommen.

Drei Fragen an Fritz Brickwedde, den Generalsekretär der Umweltstiftung

" Wenn sich die Zahl der Autos verdoppelt, ist nichts gewonnen"

Frage: Umweltschutz war vor zehn Jahren ein Herzensanliegen der Deutschen. Hat der Zeitgeist der Globalisierung das Thema nicht schon auf einen der hinteren Plätze verdrängt?

Antwort: Erstens hat das Thema Umweltschutz nach wie vor für die Menschen eine große Bedeutung, wenn es auch nicht mehr das Thema Nr. 1 ist wie vor einem Jahrzehnt. Zweitens haben wir Im Umweltschutz große Erfolge erreicht. Wer denkt heute noch daran, dass die DDR weltweit an der Spitze der Pro-Kopf-Luftbelastung bei vielen Schadstoffen lag? Damals wurden jährlich über fünf Millionen Tonnen Schwefeldioxid und mehr als zwei Millionen Tonnen Staub ausgestoßen. Diese Probleme haben wir gelöst.

Forschung und Technik sind das eine, aber glauben Sie noch an eine Bewusstseinsänderung?

Antwort: Wenn der Spritverbrauch durch bessere Technik halbiert wird, die Zahl der Autos sich aber im selben Zeitraum verdoppelt, haben wir für den Umweltschutz nichts gewonnen. Wir fördern deswegen nicht nur Forschung, Entwicklung und Innovatlon, sondern auch Umweltbildung, Informationsvermittlung und Beratung.

Nehmen wir mal an, das Prinzip der Nachhaltigkeit setzt sich überall durch. Wird die Umweltstiftung dann überflüssig? Und was geschieht dann mit dem Stiftungskapital?

Antwort: Es gibt immer wieder neue Themen und Herausforderungen. So werden wir uns in den nächsten Jahren verstärkt dem Thema Naturschutz widmen. Außerdem sehe ich eine sehr große Chance für die Stiftung darin, die großen Erkenntnisse der deutschen Umwelttechnik nach Mittel- und Osteuropa zu transferieren, um bei den EU-Beitrittskandidaten den gleichen Umweltstandard wie bei uns zu erreichen. Allein für diese Aufgabe würden wir über viele Jahrzehnte die Erträge unseres Vermögens einsetzen können.

Keine Löcher gestopft

Till freut sich, dass die Umweltstiftung vor zehn Jahren nach Osnabrück gekommen ist. Wie es genau dazu gekommen ist, lässt sich kaum rekonstruieren. Auf jeden Fall war es ein pohlitscher Deal, der in Bonn und Hannover ausgetragen wurde. 2, 5 Milliarden Mark erzielte der Bund, als er seine Anteile der Salzgitter AG an die Preussag verkaufte. Auf Vorschlag des damaligen Finanzministers Theo Waigel wurde das Geld nicht zur Tilgung von Haushaltslöchern eingesetzt, sondern als Grundstock für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Die sollte in Niedersachsen angesiedelt werden, dem Land des Salzgitter-Konzerns. Auch die Stadt Salzgitter wäre gern Sitz der Stiftung geworden, musste aber wohl zugunsten anderer Vergünstigungen für das östliche Niedersachsen zurückstecken. Im Sommer 1990 war die Entscheidung für Osnabrück unter Dach und Fach. Damals ahnte kaum jemand, dass hier über 100 neue Arbeitsplätze entstehen würden. Für Osnabrück ein Gewinn ohnegleichen, meint Till und gratuliert der Stiftung zum zehnten Geburtstag. Bismontag

Die Stiftung in Zahlen

Das Stiftungsvermögen von 2, 5 Milliarden Mark ist inzwischen um 700 Millionen angewachsen. Aus dem Zinserlös werden jährlich 130 bis 150 Millionen Mark Fördergelder ausgeschüttet. Bisher wurden bundesweit 450 Projekte gefördert. Auch für die Region Osnabrück-Emsland fiel einiges ab: In der Stadt Osnabrück wurden 19, 4 Millionen Mark in 80 Projekte investiert, im Landkreis Osnabrück 12, 2 Millionen Mark in 33 Projekte und im Landkreis Emsland 5, 6 Millionen Mark in 36 Förderprojekte.

DAS WASSER PERLT AB und nimmt den Schmutz mit: Prof. Dr. Wilhelm Barhlott demonstriert den Lotusblumen-Effekt an einem neuartigen Dachziegel. Auch für Folien, Lacke und viele andere Oberflächen eignet sich seine von der Umweltstiftung geförderte Entdeckung.

DER LÖWE MIT DER GRÜNEN MÄHNE steht im Mittelpunkt einer Fersehsendung im Kinderkanal, mit der Umweltthemen aufbereitet werden sollen. Hier die Graslöwen-Paten von der Heinrich-Schüren-Schule in Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

ARCHITEKTONISCHER GlANZPUNKT: Der Kölner Architekt Erich Schneider-Wessling hat das Verwaltungsgebäude der Umweltstiftung entworfen. Die Buchengruppe hält im Sommer die Sonnenstrahlung fern und ersetzt somit die Klimaanlage Foto: Strenger

NACHWACHSENDE ROHSTOFFE eignen sich auch als Zutaten für die Automobilindustrie: Horst Becker, Produktionsleiter bei der Firma Heywinkel in Osnabrück, mit einer Kofferraumauskleidung für den Golf Variant aus Flachsfasern und Polypropylen. Foto: Hermann Pentermann
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert, Till


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