User Online: 1 | Timeout: 15:24Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wo der Knochenmann mit falschen Zähnen aus dem Schrank grinst
 
Zu schade zum Verstauben
Zwischenüberschrift:
Alte Schätzchen in der Rats-Biosammlung - fremdartig, skurril, schaurig-schön
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Zu schade zum Verstauben

Till staunt, daß das Raritäten-Kabinett in der Rats-Biologiesammlung bis heute Schulreformen und Modernisierungswellen ziemlich schadlos überstanden hat. Er selbst hat sich eine ganze Weile dort aufgehalten und sich staunend ein Objekt nach dem anderen zeigen lassen. Da wurden Erinnerungen an die eigene Schulzeit wach. Auch wenn vieles für den modernen Unterricht vielleicht nicht mehr zu gebrauchen ist, sollte man diese Sammlungen, wie sie ähnlich an den anderen traditionsreichen Osnabrücker Schulen bestehen, nicht gering schauen. Sie dokumentiert eine Entwicklungsstufe des Unterrichts, auf die die Heutigen aufbauen. Und nicht nur das. Es ist ein Stück Schulgeschichte. Momentan sorgt die Ausstellung " Körperwelten" in Köln bundesweit für Furore. Die so genannten Plastifizierungen menschlicher Körper locken Besucher in Scharen an. Die Rats-Biosammlung ist damit nur bedingt vergleichbar, aber so manches Stück daraus durfte in ähnlicher Weise die Aufmerksamkeit von Ausstellungsbesuchern auf sich ziehen. Wenn das Material größtenteils schon nicht mehr für den modernen Unterricht zu gebrauchen ist, konnte es ja vielleicht doch dem Publikum zugänglich gemacht werden. Vielleicht wäre mit einer Ausstellung sogar ein bisschen Geld zu verdienen, das dann für die Anschaffung moderner Unterrichtsmaterialien verwendet werden könnte.

BisÜbermorgen Von Michael Schwager (Text) und | öm Martens (Fotos)

Die beiden Rats-Gymnasiasten Philipp Matthes und Henning Ranne vom Biologie-Leistungskurs müssen öfter in die Bio-Sammlung. Dort wird der Laborkoffer zur mobilen Wasseruntersuchung gelagert, und diese Experimente sind das Spezialgebiet der beiden Schüler des Abiturjahrgangs. Manchmal brauchen sie etwas länger, bis sie den Raum wieder verlassen, denn die Sammlung, besonders der ältere Bestand, ist eine wahre Fundgrube. Was da in Glasschränken, Regalen und Schubladen liegt, ist faszinierend: fremdartig, skurril oder jagt einem manchmal einen kalten Schauer über den Rücken.

Zum Beispiel eine menschliche Hirnhälfte oder das Stückchen Rückenmark mit den abgehenden Nervensträngen. Aus einem einmachglasartigen Behalter schaut mit scheinbar trauriger Miene ein Menschenembryo, schätzungsweise 20. Woche. Der Fötus schwimmt in Formalin, einer bräunlichen, hochgiftigen Konservierungslösung. An der Stirn fehlt etwas Haut, bläulich schimmert der Schädel durch. An dem ins Glas gekauerten kleinen Körper haftet stellenweise ein brauner Belag.

Biologie-Lehrerin Renate Kuhnke, die die Sammlung seit etwa zehn Jahren verwaltet, nimmt an, dass der Embryo, wahrscheinlich eine Frühgeburt, im 19. Jahrhundert in die Sammlung aufgenommen wurde. Unter welchen Umständen, ist nicht überliefert. Ungeklärt ist auch die Frage, wie das saubere Loch ins Brustbein des Schulskeletts kommt. Der Knochenmann steht in einer engen Kiste, alles echt bis auf den Unterkiefer, der auf unbekannte Weise verschwand und durch eine Nachbildung ersetzt wurde. Rätsel geben auch die beiden Primatenembryos auf, die Im afrikanischen Wüstensand entdeckt wurden. Von der Hitze sind sie ausgetrocknet und völlig mumifiziert. Welcher Affenart sie angehören? Renate Kuhnke will sich nicht festlegen.

Die Herkunft vieler anderer Stücke ist dagegen genau belegt. In den Schulnachrichten machten die amtierenden Direktoren Spende und Spender bekannt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts werden sie namentlich genannt. Unter der Rubilk " Vermehrung der Unterrichtsmittel" erwähnt zum Beispiel Direktor Runge 1876: " Naturaliensammlung. Geschenkt wurden: ... Von Stud. med. G. Pagenstecher: Eine Kiste mit Korallenstocken, Stachelhausern und anderen Naturalien von der Küste von Hayt..." Oder 1874: " Geschenkt wurden: Von Herrn Fabrikant Westerkamp hieselbst: Ein in der Nahe der Westerkampschen Papierfabrik gefangener gelber Maulwurf (Talpa europaea). - Vom Sekundaner Ebeling: Eine Kellerschnecke (Limax maximus) und eine Blindschleiche (Anguis fragills)." Der Quintaner Schaumburg spendete eine Frucht vom Kakaobaum. 1899 kam eine Sammlung von Landesprodukten aus den deutschen Kolonien hinzu, unter anderem eine Banane. Deren Anblick war vor 100 Jahren in Osnabrück offenbar noch so wenig alltäglich, dass man die Südfrucht in der Schule zeigte. Die Schale der in Forrnalin eingemachten Banane ist im Laufe der vergangenen 100 Jahre leicht rissig geworden und hat einen violetten Schimmer angenommen.

Ähnlich skurril: Spatz oder Maulwurf am Stiel. Im Klassensatz, etwa 20 Stück, sind die heimischen Tierchen mit Draht an etwa 30 Zentimeter langen hölzernen Rundstäben befestigt. So konnten die Schüler die Tiere aus der Nähe betrachten, ohne dass die Präparate durch häufigen Gebrauch Federn lassen mussten.

Diese Gefahr Ist heute übrigens gering, denn die Sammlungsstücke werden kaum noch für den Unterricht ausgeliehen. Warum? Renate Kuhnke erklart das mit dem Wandel des Biologieunterrichtes: " Die heute im Biologieunterricht behandelten Themen wieÖkologie und Genetik sind komplexer, aber auch ab strakter als der Biologieunterricht bis etwa in die 60er Jahre."

Dabei ist der Pädagogin auch die Kehrseite der Medaille bewusst. Die Jugendlichen wüßten heute zwar, dass Brennesseln auf besonders nährstoffreichen Böden gedeihen. Aber manche könnten die Pflanze mit den ätzenden Härchen nicht mehr vom Sauerampfer unterscheiden. Der Biologieunterricht Im 19. Jahrhundert orientierte sich an der Vermittlung von Systematik und Einzelerscheinungen. Heute beschäftigen sich die Schüler mit Zusammenhängen in der belebten Natur. Nicht mehr das einzelne Lebewesen steht Im Vordergrund, sondern zum Beispiel das Tier in Abhängikeit von seinem Lebensraum, seiner Lebensgemeinschaft oder anderen Faktoren.

Die Ausstattung der Biologie-Sammlung muss sich daher auch ändern. Schulleiter Hartmut Ranke: " Unsere Schule birgt auf Grund ihres Alters soviel Schulgeschichte, dass man damit ein ganzes Museum ausstatten könnte." Er will aber nicht Museums-Wärter sein. Der gegenwärtige Auftrag der Schule sei: Die Kinder für eine komplizierter werdende Zukunft ausbilden. Das dürfe nicht am Geldmangel scheltern, findet Ranke. Der Wasserlaborkoffer steht zum Beispiel schon in der Sammlung, außerdem ein Spektralphotometer oder ein Elektrophoresegerät für molekulargenetische Untersuchungen. Aber Ranke findet, dass die Ausstattung nicht in dem Umfang modernisiert wird, wie es nötig wäre. Hier müsse der Schulträger mehr tun. Vielleicht hilft auch das 150 Jahre alte Sponsorenmodell weiter. Eine Erwähnung der Spender in der Schülerzeitung zum Beispiel: " Vom Quintaner X etwas Software, vom Fabrikanten Y eine Laborspülmaschine..."

Einige Bildunterschriften:

GRAVIERTES STRAUSSENEI: Vor über 100 Jahren kam es nach Osnabrück.

Spatz am Stiel ...

Nichts auf den Rippen hat der Mann hinter der Schranktür.

EIN HAUCH DES SÜDENS wurde früher mit Zeichnungen, Straufieneiern und ähnlich exotischen Exponaten in die Schulstube geholt.
Autor:
Michael Schwager, Till


Anfang der Liste Ende der Liste