User Online: 1 | Timeout: 19:06Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Planen mit Phantasie
Zwischenüberschrift:
Zukunftwerkstätten: "Osnabrücker Kinder entwerfen ihre Stadt"
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Der Plan für den idealen Spielplatz ist geschmiedet und zu einem Leporello zusammengefasst. Aber beinahe hätten die Zweitkläßler der Rückertschule mit ihrer Lehrerin Silvia Lüttmann sowie den Zukunftswerkastattleiterinnen Anca Baldus und Annette Schriever ihre Pläne für den Saarplatz konkretisiert. Aber der Spielplatz hier fällt möglicherweise für einen Kreisverkehr weg.

Gleiches Recht für alle

Till mag es nicht, wenn er mit einem Anliegen auf unbestimmte Zeit vertröstet wird. Da ist ihm selbst ein eindeutiges Nein lieber als eine ausweichende Antwort. Deshalb versteht er auch die Kinder der Rückertschule, die sich jetzt mit Verantwortlichen des städtischen Grünflächenamtes anlegten. " Unverschämtheit", schimpfte ein Steppke, als er erfuhr, daß die von den Schülern nach Rücksprache mit der Stadt geplante Umgestaltung eines Spielplatzes " wenn nicht im nächsten Jahr, dann vielleicht im übernächsten Jahr" verwirklicht werden könnte. " Unverschämtheit" ist vielleicht ein bißchen zu hartes Urteil, aber der Anspruch der Kinder, mit ihren Ideen ernstgenommen zu werden, ist nur recht und billig.

Bisübermorgen

Planen mit Phantasie

Zukunftswerkstätten: Osnabrücker Kinder entwerfen ihre Stadt

Es ist schwül. Die schweren Einkaufstaschen ziehen auf dem Weg durch die Hasestraße die Arme lang, die Schuhe drücken. Wegen der Autoabgase bleibt fast die Luft weg, und der Slalom um die Hundehaufen nervt. Aber hinterm Vitihof ist Schluß mit der Quälerei. Taschen in den Spind, Klamotten vom Leib und dann über eine Riesenrutsche hinein in die klare, kühle Hase. Welch ein Traum.

Oder nur unrealistische Spinnerei? In einer Zukunftswerkstatt ist träumen nicht verboten. Es ist sogar erwünscht, geradezu Voraussetzung des Erfolges. Und da kommen dann Kinder tatsächlich - auch wenn' s draußen kalt ist - auf die Idee, an der Einmündung der Hasestraße in den Remarque-Ring ein Strandbad mit Riesenrutsche zu bauen.

" Zukunftswerkstätten sind eine Möglichkeit, Ideen der Kinder in die Stadtplanung einzubeziehen", sagt Christine Grewe vom Büro für Entwicklungszusammenarbeit. Am Weltkindertag gehörte sie zu den Betreuern von drei Gruppen, die sich verschiedene Bereiche der Innenstadt vorgenommen und zunächst Kritik notiert hatten. Hundemist und Abgase hatten sie dabei ebenso auf dem Kieker wie den Unrat und die Asphaltwelt, die die Erwachsenen hier hinterlassen haben. Ihre Vorschläge: Mehr Grün, mehr Abenteuer und Spielgelegenheiten, aber auch mehr Sauberkeit.

Gerade der letzte Punkt beflügelte die Phantasie: Ein Zukunftswerker bastelte einen Müllhubschrauber, eine Art fliegenden Staubsauger, der auch in die Ecken kommt, die die Kehrmaschine nicht mehr erreicht.

Warum nicht? Schließlich galt Otto Lilienthal zu seiner Zeit noch als Spinner, und heute fliegt man mit 300 Leuten im Airbus auf die Kanaren und hält es für das Normalste auf der Welt. Dennoch würde der Müllhubschrauber-Vorschlag vermutlich in jeder Werksausschußsitzung des Abfallwirtschaftsbetriebes den Notarzt auf den Plan rufen.

In der Kinderkommission gab' s dafür noch Beifall. Aber selbst Jugendamtsleiter Jochen Weber fragte dort die Kinder warum sie nicht für ihre Wohngebiete planen, sondern sich für die Innenstadt interessieren. Und er erfährt von Arne (11): " Weil die Innenstadt für den halben Tag mein Lebensraum ist." Das zeigt das Problem. Die Ideen der Kinder müssen überall ernstgenommen werden. Doch wie gelingt die Kommunikation mit den Erwachsenen? Wie entsteht Einigkeit über das, was geht und was nicht? Wie gelingt Planen mit Phantasie?

In Schleswlg-Holstein ist die Beteiligung von Kindern an Planungsprozessen Inzwischen in der Gemeindeordnung verankert. Nicht, weil sie besonders kreativ, demokratisch oder kompetent sind, sondern weil es ihr Recht als Einwohner der Gemeinden ist, ihre speziellen Interessen zu vertreten. Und die äußern sie unter anderem in Zukunftswerkstätten. In Niedersachsen wird das durch die vorgeschriebene " Sozialverträglichkeitsprüfung" erledigt.

Der Osnabrücker Stadtplaner Franz Schürings hat trotzdem nichts gegen Zukunftswerkstätten. Aber er meint, Kinder müssen projektbezogen arbeiten, möglichst für konkrete Vorhaben und überschaubare Zeiträume planen. Schürings: " Kinder vor einen Bebauungsplan zerren und auffordern: nun sagt mal was dazu - das geht nicht." Kleinere Grünflächen, Spielplätze und Wohnstraßen sind nach Schürings Auffassung dankbare Aufgaben.

Daß es auch dabei manchmal schwierig werden kann, merkten jetzt Annette Schriever, Anca Baldus und Silvia Lüttmann mit ihrer Zukunftswerkstatt von der Rückertschule. Die Zweitkläßler hatten schon die Mecker- und die Traumphase hinter sich. Auf einem meterlangen Leporello haben sie ihre Vorstellungen vom Idealspielplatz gemalt. Aber das, was sie in ihrem Ziehharmonika-Album darstellen, wäre von der Planung der Großen beinehe überholt worden. Die Kinder wollten den Saarplatz aufpeppen, doch dort wird möglicherweise die Spielplatzfläche für einen Kreisverkehr wegrationalisiert. Gerade noch rechtzeitig erfuhr die Gruppe von den Plänen. Jetzt sucht sie ein neues Gelände. Für Wasser, Rutschen und Baumhäuser. Das Ganze von einer Burgmauer umgeben. Träumen ist erwünscht, auch wenn anschließend nicht alles Wirklichkeit werden kann.

MECKERPHASE: Christine Grewe hat die kritischen Anmerkungen der Kinder zur City, aber auch die Verbesserungsvorschläge gesammelt. Foto: Michael Münch

NOCH PHANTASIE, aber vielleicht einmal die Realität der Straßenreinigung: - ein Müllhubschrauber. Foto: Münch

Zur Sache: Zukunftswerkstatt

Die Methode der Zukunftswerkstatt wurde in den 60er Jahren vor allem von dem Zukunftsforscher Robert Jungk entwickelt. Ausgangspunkt der Aktivitäten ist von " Nicht-Experten" empfundene Unzufriedenheit über Lösungen, die " Experten" von oben verwirklicht haben. In drei Phasen setzen sich die " Nicht-Experten" mit dem Problem auseinander.

In der Kritikphase (1) lassen die Teilnehmer Dampf ab. Durch das Wahrnehmen der eigenen Kritik und die der anderen entsteht die gemeinsame Basis für die Weiterarbeit. Anschließend verständigt sich die Gruppe über die Dringlichkeit der Probleme und wählt die wichtigsten aus. In der Phantasiephase (2) sollen die Teilnehmer ungebremst von Sachzwängen, wie sie Experten empfinden, eine Wunschlösung finden und beschreiben. Hierbei geht es darum, das " Undenkbare zu denken", Verrücktem gegenüber aufgeschlossen zu sein, auch das Scheitern zu riskieren.

Es folgt die Verwirklichungsphase (3). Manchmal spüren die Zukunftswerker hier den Realitätsschock, weil Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderliegen. Zumindest erkennen sie dabei gesellschaftliche, wirtschaftliche und persönliche Abhängigkeiten und Rahmenbedingungen. Die Prüfung der Träume reduziert die Ergebnisse aus Phase 2. Hier wird aber auch festgelegt, woran die Gruppe festhalten und wie sie ihre Ziele erreichen will.

Ein Baumhaus mit Rohrrutsche gehört für viele Kinder obligatorisch zum idealen Spielplatz.
Autor:
Michael Schwager


Anfang der Liste Ende der Liste